Die Verwaltung bleibt bis auf Weiteres für den Publikumsverkehr geschlossen.
    Sie erreichen uns weiterhin vormittags von 8:00 bis 12:00 Uhr telefonisch und per E-Mail.
    Zwingend erforderlich für die persönliche Vorsprache ist eine
    telefonische Terminvereinbarung
    .
    Wir bitten um Verständnis.
    Telefon Zentrale: 06703-302-0; E-Mail:
    Bild: www.pixabay.com

    Blinder Aktionismus – Smartphone-Verzicht als Klimaschutzmaßnahme

    Häufig neigen wir dazu, unseren modernen Lebensstil als Ursache der globalen Erwärmung und der Umweltzerstörung zu betrachten. Das ist richtig und falsch. Richtig ist, dass der Raubbau an der Umwelt und die ins Unermessliche steigende Emission von CO2 mit der Industriellen Revolution begann. Richtig ist auch, dass der Raubbau an der Umwelt und die Emission von Treibhausgasen im Zeitraum der letzten 200 Jahre stetig zugenommen haben und diese Zunahme bisher kein Ende findet, angetrieben von einer immer größeren Zahl an Erdbewohnern und einem zunehmenden Energiebedarf, der notwendig ist, um ein komfortables Leben mit beheiztem und / oder klimatisiertem Wohnraum und Fortbewegungsmitteln, mit denen man individuell und spontan an einem Tag von Prag nach Paris reisen kann, zu ermöglichen.

    Wir Menschen neigen jedoch dazu, in linearen Maßstäben zu denken. Wir nehmen also an, dass wenn technologische Fortschritte in der Vergangenheit zu erhöhten Treibhausgas-Emissionen führten, auch Technologische Innovationen, die uns neu sind, ebenfalls mit Emissionssteigerungen verbunden sein müssten. Tatsächlich ist der Zusammenhang zwischen technologischem Fortschritt und Umweltzerstörung bzw. CO2-Emissionen jedoch nicht linear.
    Um dies zu erkennen, muss man sich grundsätzlich erst einmal mit der Entwicklung der Leistungsaufnahme von Geräten beschäftigen, wie viel Leistung (in Watt) etwa ein Prozessor vor 20 Jahren aufnahm, und wie viel ein moderner Prozessor heute aufnimmt. Im Jahr 2000 kam der Pentium 4 Prozessor von Intel auf den Markt. Er wurde im 180 Nanometer-Verfahren gefertigt und hatte 42 Millionen Transistoren. Die Leistungsaufnahme lag bei rund 100 Watt. [1]        
    Ein aktueller Smartphone-Prozessor, der im 5 Nanometer-Verfahren gefertigt wird und rund 10 Milliarden Transistoren besitzt, nimmt hingegen nur noch 5 Watt auf. Heutige Prozessoren sind also nicht nur um ein Vielfaches schneller, sondern benötigen auch nur 5 % der Energie. [2]
    Ein anderes Beispiel ist die Beleuchtungstechnologie. Eine Glühlampe mit 1000 Lumen Lichtstrom nimmt 75 Watt Leistung auf. Eine vergleichbar helle LED-Lampe hat einen vielfach höheren Wirkungsgrad und benötigt daher im Gebrauch nur 10 Watt, während sie deutlich weniger Abwärme als Verlust emittiert. Ferner hält sie im Schnitt zehnmal so lange wie eine gewöhnliche Glühbirne. [3]

    Moderne Technologien führen also nicht mehr zu Steigerungen des Energiegebrauchs, sondern zeichnen sich häufig gerade durch erstaunliche Sparsamkeit aus. Die stetig steigende Anreicherung der Atmosphäre mit Treibhausgasen ist nicht mehr darauf zurückzuführen, dass neuere, leistungsfähigere Geräte für mehr CO2 Emissionen verantwortlich sind, sondern dass wir auf der Erde immer mehr Menschen (= Konsumenten) werden und auch pro Kopf immer mehr konsumieren. Die Technologie selbst ist nicht ausschließlich das Problem und auch nicht ausschließlich die Lösung – sie ist Problem und Lösung zugleich. Die Technologie ist das Problem, weil sie die CO2-Emissionen durch die Verwendung von fossilen Energieträgern überhaupt erst ins Rollen brachte und ein schier unbegrenztes Wachstum der menschlichen Population nach sich zog. Die Technologie ist die Lösung, da moderne Geräte immer weniger Strom benötigen, weil sie mit effizienteren Chips sowie intelligenteren Stromsparprogrammen bestückt sind und den Pendelverkehr zur Arbeit oder zu Veranstaltungen zunehmend überflüssig machen und weil moderne Technologien die Bereitstellung von Energie aus erneuerbaren Quellen – zunehmend erschwinglich - zur Realität machen.

    Ein Leben mit moderner Technologie ist unter Umständen klimaneutraler als ein Leben, das auf den ersten Blick „natürlicher“ und „idyllischer“ erscheint, aber gleichzeitig mit der Verwendung hundert Jahre alter Technologien verbunden ist.

    Betrachten wir uns nun folgende zwei Fälle:

    Fall A:
    Ein Jugendlicher verbringt 4 Stunden auf der Couch und verwendet sein Smartphone, um Netflix zu schauen. Leider ist das klimaschonende DSL ausgefallen, weswegen er das mit deutlich höheren CO2-Emissionen verbundene 4G verwenden muss.

    Fall B:
    Ein Jugendlicher verzichtet stattdessen für den vierstündigen Zeitraum auf sein Smartphone, fährt 30 Minuten / 14 Kilometer mit dem Bus zum Wald, geht dann drei Stunden im Wald spazieren und fährt dann 30 Minuten zurück. Sein Moped hat der Jugendliche bereits vor drei Monaten verkauft, um seinen CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Er fährt nur noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Während der Busfahrt liest er ein Taschenbuch, welches er in einer Bücher-Telefonzelle mitgenommen hat, weil er sich keine neuen Bücher zulegt, um Ressourcen zu sparen.

    Auf den ersten Blick wirkt der Jugendliche in Fall A vielleicht, als der größere „Klimasünder“. Er schert sich nicht um die Umwelt. Er befasst sich nicht mit der Natur.  Der Wald ist ihm fremd. Er verwendet moderne Technologie – einen Computer im Taschenformat und noch dazu überträgt er Videomaterial und nimmt damit weltweit verteilte Rechenzentren in Anspruch. Der Jugendliche in Fall B setzt sich aktiv mit seiner Umwelt auseinander, geht „Waldbaden“ wie man es neuerlich nennt, verwendet öffentliche Verkehrsmittel, liest gebrauchte Bücher, verhält sich möglichst klimaneutral und umweltfreundlich.

    Wie sehen nun die CO2-Emissionen der beiden Jugendlichen aus? Ist der Jugendliche A wirklich der „Klimasünder“ und der Jugendliche B der „Klimaheilige“?

    Rechnen wir die beiden Szenarien durch:

    Ein modernes Smartphone zieht 5 Watt. Es wird im oben genannten Szenario über 4 Stunden hinweg verwendet. Das entspricht 20 Wh oder 0,02 kWh. Der Deutsche Strommix hat einen durchschnittlichen CO2-Emissionswert von 400 g CO2 / kWh. Durch den Gebrauch des Smartphones emittiert der Jugendliche 8 g CO2.

    Zusätzlich emittiert er CO2 durch den Gebrauch von Videostreaming-Diensten. Über eine Stunde werden bei 4G-Streaming 13 g CO2 emittiert [4]. Bei 4 Stunden sind das 52 g CO2(e). So emittiert der Jugendliche im betrachteten vierstündigen Zeitraum insgesamt 60 g CO2.

    Betrachten wir nun das Szenario B. Der Jugendliche fährt mit dem Bus zum Wald hin und vom Wald zurück und legt dabei eine Strecke von 28 km zurück. Für den öffentlichen Nahverkehr wird üblicherweise ein Emissionsfaktor von 80 g CO2 pro Personenkilometer angenommen [5]. Damit emittiert der Jugendliche für seine beiden Fahrten 2.240 g CO2. Nun bewegt er sich 3 Stunden lang durch den Wald. Man würde zunächst davon ausgehen, dass er hierdurch kein CO2 emittiert. Aber das ist nicht korrekt. Denn sein Körper benötigt Energie zur Bewegung und diese Energie nimmt er sich aus der Nahrung. Das bedeutet: Will der Jugendliche nicht abnehmen, dann muss er nun mehr Nahrung konsumieren, als er getan hätte, wenn er einfach zuhause auf dem Sofa geblieben wäre und die Füße hochgelegt hätte. Drei Stunden Spazieren gehen sind mit einem Kalorienverbrauch von 660 kcal verbunden [6]. Der Jugendliche ist besonders umwelt- und klimabewusst und ernährt sich daher vegan. Er nimmt die zusätzlich benötigten 660 kcal zu sich, indem er drei trockene Brötchen konsumiert. Zur Produktion von Brötchen werden 700 g CO2 / kg emittiert [7]. Die drei Brötchen, die der Jugendliche isst, haben etwa 200 Gramm. Durch diesen Konsum emittiert er 140 g CO2. Insgesamt kommt der Jugendliche in Szenario B damit auf eine Emission von 2.380 g CO2 im betrachteten Zeitraum. Und damit 2.320 g CO2 mehr als der Jugendliche in Szenario A. Er ist also deutlich klimaschädlicher als der Smartphone- und Netflix-Nutzer.

    Warum erzähle ich diese Geschichte? Es gibt kommunale Klimaschutzmanager, die Energiespar-Wettbewerbe durchführen, bei denen Schüler dazu angehalten werden, auf ihr Smartphone zu verzichten, um Energie zu sparen. Wie die Rechnung zeigt, handelt es sich dabei um blinden Aktionismus. Energiespar-Wettbewerbe dieser Art haben keinen praktischen Nutzen und sind im Sinne der Klimakommunikation gar schädlich, weil sie eine vollkommen missverständliche Außenwirkung transportieren, nämlich, dass moderne Technik grundsätzlich schlecht und nicht Teil der Lösung der Klima- und Umweltproblematik sei. Ich bezeichne diese, sich hartnäckig haltende, obwohl aus wissenschaftlicher Sicht falsche Form der Kommunikation, als „Umweltromantizismus“.

    Das digitale Leben ist nicht das Problem, es ist ein Teil der Lösung. Unsere Kommunikation muss sich grundlegend ändern. Als Klimaschutzmanager müssen wir das Bewerben der vermeintlichen Idylle durch das Bewerben der digitalen Vorzüge ersetzen. Wir müssen das Büro zumindest teilweise, dort wo es möglich ist, durch das Home-Office ersetzen. Wir müssen das ausgedruckte Dokument durch die PDF-Datei ersetzen. Wir müssen transnationale Massenveranstaltungen durch Online-Meetings ablösen. Wir müssen das Leben mehr in die digitale Ebene verschieben und dabei gleichzeitig darauf achten, dass es nicht ungesund wird. Die Ergonomie sollte nicht vernachlässigt werden und die körperliche Betätigung sollte nicht untergehen. Aber statt mit dem Bus in den Wald zu fahren, sollten wir mit dem Fahrrad zum Park fahren oder zu Fuß die eigene Nachbarschaft erkunden. Es ist ein grundsätzlicher Wandel unserer Denkweise nötig. Unsere Vorstellung von Arbeitsräumlichkeiten ist antiquiert und stammt immer noch aus einer Zeit, in der es keine Computer, kein Internet, keine digitalen Speichermedien, keine Email und keine Webcams gab. Das Larkin Administration Building, welches Frank Lloyd Wright im Jahr 1906 konzipierte, war das erste Großraumbüro [8]. Es ist vollkommen absurd, dass eine solch veraltete Strukturierung der Arbeitsfläche, aus einer Zeit, in der in Deutschland noch der Kaiser herrschte, selbst im Jahr 2020 noch Verwendung findet. Was wir benötigen, um den Vorstellungen des klimaneutralen Arbeitens und Lebens gerecht zu werden, ist eine Entwicklungskampagne mit vollkommen neuen Ideen des effizienten Arbeitens und des nachhaltigen Zusammenlebens.

    Wir haben die Zeit der globalen Erwärmung mit einem Neuanfang eingeläutet, nämlich dem Beginn der ersten industriellen Revolution. Nun ist es an der Zeit, die globale Erwärmung wieder zu stoppen, indem wir einen zweiten Neustart einleiten, diesmal in Form der vierten industriellen Revolution.

    Quellen

    [1]       pcdaily.de/stromverbrauch-von-pcs-im-wandel.php

    [2]       notebookcheck.net/Qualcomm-Snapdragon-865-SoC-Benchmarks-and-Specs.448194.0.html

    [3]       beleuchtungdirekt.de/lumen-nach-watt/100-watt-in-lumen

    [4]       umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/video-streaming-art-der-datenuebertragung

    [5]       umweltbundesamt.de/bild/vergleich-der-durchschnittlichen-emissionen-0

    [6]       fitrechner.de

    [7]       umweltdialog.de/de/verbraucher/lebensmittel/2014/Oeko-Bilanz-der-10-beliebtesten-Fruehstuecksprodukte.php

    [8]       stern.de/wirtschaft/job/wie-das-grossraumbuero-entstand---und-wie-wir-in-zukunft-arbeiten-8862476.html



    Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Bitte wählen Sie Ihre Cookie-Präferenzen: