Verwaltungsratsvorsitzende informieren sich über Baufortschritt und nächste Meilensteine der Energiewende in der kommunalen Abwasserwirtschaft
Wie weit sind die Umbauarbeiten auf der Kläranlage Gau-Bickelheim fortgeschritten und welche nächsten Schritte stehen beim Modellprojekt der Abwasserbeseitigung Wöllstein-Wörrstadt AöR (AWW) an? Über diese Fragen informierten sich die beiden Verwaltungsratsvorsitzenden und Bürgermeister der Verbandsgemeinden Herr Conrad und Herr Brüchert bei einem Besuch auf der Kläranlage Gau-Bickelheim. Im Mittelpunkt standen der aktuelle Stand der Bauarbeiten, die geplante Inbetriebnahme der Faulungsanlage und die weiteren Maßnahmen zur nachhaltigen und wirtschaftlichen Energieversorgung der Kläranlagen Gau-Bickelheim und Wöllstein.
Errichtung der Bauwerke in Gau-Bickelheim weitgehend abgeschlossen
Seit dem letzten Besuch im April 2025 hat das Modellprojekt wichtige Fortschritte gemacht. Die baulichen Arbeiten am Kombinationsbauwerk, am Vorklärbecken und am Zwischenpumpwerk sind mittlerweile weitgehend abgeschlossen. Aktuell konzentrieren sich die Arbeiten auf die Installation der Anlagentechnik sowie der Elektro-, Mess- und Steuerungstechnik.
Ein zentrales Element des Umbaus ist die neue Faulungsanlage. Sie bildet das Herzstück des Modellprojekts und soll künftig die energetische Nutzung der anfallenden Klärschlämme ermöglichen. Durch die zentrale Vergärung der Klärschlämme der kommunalen Kläranlagen Gau-Bickelheim und Wöllstein sowie der Betriebskläranlage der Fa. Sutter und den Einsatz geeigneter Co-Substrate wird Faulgas gewonnen, das anschließend in einem Blockheizkraftwerk zur Stromerzeugung genutzt werden soll.
Die Inbetriebnahme der Faulungsanlage ist für das erste Halbjahr 2027 vorgesehen. Ab dem zweiten Halbjahr 2027 soll die Kläranlage Gau-Bickelheim dann energieneutral betrieben werden. Damit rückt ein wesentliches Ziel des Modellprojekts in greifbare Nähe: die bilanziell vollständige Deckung des eigenen Energiebedarfs durch die Nutzung vorhandener Ressourcen und die Erzeugung erneuerbarer Energie direkt am Standort.
Nächster Schritt: Umbau der Kläranlage Wöllstein und Anschluss der Ortslage Vendersheim
Auch am Standort Wöllstein geht das Modellprojekt in die nächste Phase. Der Umbau der dortigen Kläranlage befindet sich derzeit in der Ausschreibung und soll Anfang des Jahres 2027 beginnen.
Durch das Zusammenspiel beider Standorte sollen die vorhandenen Energiepotenziale künftig bestmöglich ausgeschöpft werden. Die gemeinsame Betrachtung der Kläranlagen Gau-Bickelheim und Wöllstein sowie die Einbindung der Betriebskläranlage Sutter ermöglicht es, technische und wirtschaftliche Synergien zu nutzen und die Energieversorgung (Strom und Wärme) der Abwasserbeseitigung langfristig neu auszurichten.
Ein weiterer wichtiger Baustein ist die geplante Auflassung der Teichkläranlage Vendersheim und der geplante Anschluss der Ortslage an die Kläranlage Gau-Bickelheim. Die letzten Planungs- und Abstimmungsarbeiten hierzu laufen derzeit. Die Ausschreibung der Maßnahme soll in Kürze erfolgen. Die vorbereitenden Arbeiten wie z. B. die Kampfmittelsondierungen sind bereits abgeschlossen.
Mit dem Anschluss soll die Abwasserbeseitigung künftig stärker an einem zentralen Standort gebündelt und die Qualität der Abwasserreinigung gesteigert werden. Dies ist ein weiterer Schritt zur langfristigen Optimierung der Infrastruktur und des Anlagenbetriebs sowie zur Steigerung des Umweltschutzes.
Strombilanzkreis startet zum 1. Januar 2027
Neben den baulichen Maßnahmen treibt die AWW auch die organisatorische und energiewirtschaftliche Weiterentwicklung voran. Zum 1. Januar 2027 soll der geplante Strombilanzkreis starten, über den die Stromerzeugung und der Stromverbrauch verschiedener Standorte bilanziell miteinander verknüpft werden.
Hintergrund ist, dass sich Stromerzeugung und Stromverbrauch an den einzelnen Anlagen zeitlich und mengenmäßig unterscheiden. Während an Standorten wie Saulheim, Gau-Bickelheim und Wöllstein künftig erhebliche Strommengen erzeugt werden können, benötigen andere Anlagen, insbesondere Pumpstationen, kontinuierlich Energie, ohne selbst über vergleichbare Erzeugungsmöglichkeiten zu verfügen.
Der Strombilanzkreis soll ermöglichen, erzeugte Stromüberschüsse bilanziell anderen Verbrauchsstellen der AWW zuzuordnen. Dadurch können die vorhandenen Energiepotenziale besser genutzt und die Energiekosten über mehrere Standorte hinweg optimiert werden.
Die AWW verfolgt damit einen Ansatz, der über die reine Eigenstromversorgung einzelner Kläranlagen hinausgeht. Ziel ist es, die Energieerzeugung und den Energiebedarf innerhalb des Betriebs intelligent miteinander zu verbinden und die Abwasserwirtschaft langfristig unabhängiger von externen Strombezügen zu machen.
Mit ihrer Beteiligung am Pilotprojekt „Energieregion Abwasserwerke Rheinland-Pfalz zur Bildung von Strombilanzkreisen“ des Gemeinde- und Städtebundes Rheinland-Pfalz bringt die AWW ihre Erfahrungen zudem in die Weiterentwicklung übergreifender Energiekonzepte für die Wasserwirtschaft und die kommunale Familie ein.
Wichtiger Beitrag zu Klimaschutz und Versorgungssicherheit
Das Modellprojekt Wöllstein-Wörrstadt zeigt, wie sich die Modernisierung der kommunalen Abwasserinfrastruktur mit den Zielen des Klimaschutzes, der Energieeffizienz und der Versorgungssicherheit verbinden lässt. Durch die Nutzung von Faulgas, die Stromerzeugung aus Photovoltaik und die standortübergreifende Verrechnung von Strommengen sollen vorhandene Ressourcen künftig deutlich effizienter eingesetzt werden und die Resilienz der kritischen Infrastruktur deutlich gesteigert werden.
Neben der angestrebten Energieneutralität für die Kläranlage Gau-Bickelheim sollen nach dem Umbau der Kläranlage Wöllstein und weiteren Investitionen in die Erzeugungsanlagen der Kläranlage Saulheim auch diese Kläranlagenstandorte und mittelfristig alle Abwasseranlagen der AWW bilanziell energieneutral betrieben werden.
Die Fortschritte auf der Kläranlage Gau-Bickelheim und die anstehenden Maßnahmen in Wöllstein und Vendersheim zeigen, dass die Weiterentwicklung der Abwasserbeseitigung nicht nur eine technische Aufgabe ist, sondern auch eine strategische Investition in eine nachhaltige, wirtschaftliche und widerstandsfähige kommunale Infrastruktur.
Das Modellprojekt der Verbandsgemeinden Wörrstadt und Wöllstein wird vom Bundesumweltministerium mit Fördermitteln in Höhe von knapp 5 Mio. Euro im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative gefördert. Zusätzlich erhält die AWW vom Umweltministerium Rheinland-Pfalz über 2,5 Mio. € für die Verfahrensumstellung der Kläranlage Gau-Bickelheim und den Anschluss der Kläranlage Vendersheim.
